Pomerania Nostra
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Prof. Krzysztof Skubiszewski kommt aus Posen. Er wurde 1926 geboren, ist Jurist, Spezialist auf dem Gebiet des Völkerrechts, Politiker und Publizist. Er schloss das Jurastudium in Posen ab, dann an den Universitäten Nancy und Harvard. 1973 wurde er Professor im Institut für Staat und Recht der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN), Mitte der 90-er Jahren – Professor der Polnischen Akademie des Wissens.  Er ist korrespondierendes Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

In den Jahren des Kriegszustandes in Polen (1981-1984) war er Mitglied des Gesellschaftsrates des Primas von Polen, danach Mitglied des Konsultationsrates beim Vorsitzenden des Staatsrates, wo er sich von der rechtlichen Seite mit der Wiederaufnahme der Tätigkeit der Unabhängigen Gewerkschaft „Solidarno¶æ“ beschäftigte.

In den Jahren 1989-1993 war er Außenminister in den ersten drei Regierungen des neuen Polens – in den Regierungen von Ministerpräsidenten: Tadeusz Mazowiecki, Krzysztof Bielecki, Hanna Suchocka. Ab 1994 ist er Mitglied des Europäischen Gerichtshofes in Den Haag, Präsident des Schiedsgerichtshofes Iran-USA in Den Haag. Er ist Doktor honoris causa an mehreren Universitäten, Ritter der höchsten polnischen und internationalen Auszeichnungen, darunter Ritter des Bundesverdienstkreuzes. Zusammen mit Hans-Dietrich Genscher bekam er den angesehenen Preis der Außenminister Polens und Deutschlands, der 1993 ins Leben gerufen wurde.

Er publizierte u. a.: „Rechtsetzende Beschlüsse von internationalen Organisationen“ (1965) [Uchwa³y prawotwórcze organizacji miêdzynarodowych], „Die Westgrenze Polens“ (1969) [Zachodnia granica Polski], „Resolutions of the General Assembly of the United Nations“ (1985), „Außenpolitik und Wiedergewinnung der Unabhängigkeit. Ansprachen, Erklärungen, Interviews 1989-1993“ (1997) [Polityka zagraniczna i odzyskanie niepodleg³o¶ci. Przemówienia, o¶wiadczenia, wywiady] sowie über 150 Artikel in verschiedenen Sprachen zum Völkerrecht und Außenpolitik.

Krzysztof Skubiszewski war Außenminister Polens in der entscheidenden Zeit für die deutsch-polnischen Beziehungen und in der Zeit, wo eine neue Gestalt Europas gebaut wurde. Erwähnenswert ist, dass die Regierung von Tadeusz Mazowiecki entstand, als Deutschland noch geteilt war. In Polen stieg die Angst vor der Wiedervereinigung Deutschlands. Am 7. September 1989 schrieb für die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ sogar Jan Nowak-Jeziorañski, der viele Jahre Direktor des polnischen Senders „Radio Freies Europa“ in München war: „Das wiedervereinigte Deutschland wird zweifellos zur größten Kraft in Europa und wenn es lernt, so wie die USA zu handeln, d.h. wenn Deutschland eine Macht sein wird, die nicht nur die Hände nach dem Fremden nicht ausstreckt, sondern auch bemüht sich zu helfen, erlangt es eine sehr große Attraktivität. Ich befürchte aber, dass etwas anderes passiert. Ich lebte in der BRD 25 Jahre lang und habe die Überzeugung, dass wenn Deutsche eigene Macht fühlen, kommen sie auf den Weg ihrer eigenen Fehler zurück.“

Ein paar Tage später sagte der Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki in seinem bekannten Expose in Sejm:
Wir brauchen eine Wende in den Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland. Die Völker beider Staaten sind schon viel weiter als ihre Regierungen gegangen. Wir rechnen auf  eine deutliche Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen und wollen eine richtige Versöhnung.“
Einer der ersten Beschlüsse, der Prof. Krzysztof Skubiszewski schon als Außenminister der ersten Regierung Polens nach den Wahlen im Juni 1989 gefasst hat, war die Versicherung der Hilfe für die Flüchtlinge aus der DDR, die Zuflucht in der Botschaft der BRD in Warschau gefunden haben. Die Ereignisse in Europa verliefen damals schlagartig. Rapid zerbrach der Eiserne Vorhang, Ideen der Demokratie und der Freiheit breiteten sich im ganzen Osteuropa aus und erweckten die Hoffnung auf eine erfreuliche, auf dem Prinzip der Gerechtigkeit basierende Zukunft des ganzen Europa. Die deutsch-polnischen Beziehungen in dieser schönen, aber stürmischen Zeit in Frieden und mit der Vorstellung einer erfreulichen Zukunft zu führen, war ein großer Verdienst der Außenminister Krzysztof Skubiszewski und Hans-Dietrich Genscher, die sich damals täglich und unmittelbar beraten haben.

Ende September 1989 hat der Außenminister Genscher eine Übermittlung an den Außenminister Skubiszewski gerichtet, in der er schrieb: „Ihr Volk soll wissen, dass sein Recht, in sicheren Grenzen zu leben, von uns Deutschen weder jetzt noch in Zukunft durch Gebietsansprüche in Frage gestellt wird. Das Rad der Geschichte wird nicht zurückgedreht.“ Am 9. November kam nach Warschau zu einem historischen Besuch der Bundeskanzler Helmut Kohl. Als am Mittag dieses Tages die Berliner Mauer gefallen ist, unterbrach der Bundeskanzler seinen Besuch, aber ein paar Tage später kam er nach Warschau wieder, um die Verhandlungen fortzusetzen.

Im Juni 1990 wurde die gemeinsame Erklärung des Bundestages und der Volkskammer der DDR über die endgültige deutsch-polnische Grenze bekannt gegeben, am 17.Juli 1990 sammelte sich die Pariser Konferenz „2+4+1“, an der auch der Außenminister Skubiszewski teilgenommen hat, am 5. August 1990 hatte der Bundeskanzler Kohl ein schwieriges Treffen mit dem Verband der Vertriebenen, am 12. September 1990 wurde in Moskau der „Vertrag über die endgültigen Bestimmungen gegenüber Deutschland“ unterschrieben und am 2.-3. kam die Wiedervereinigung Deutschlands.

Der Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki schrieb dann an den Bundeskanzler Helmut Kohl: „Polen begrüßt die Wiedervereinigung Deutschlands mit voller Zuversicht und Hoffnung auf die Eröffnung eines neuen Kapitels in den deutsch-polnischen Beziehungen“. Und dieses neue Kapitel wurde tatsächlich eröffnet.

In den oben kury erwähnten Ereignissen spielte Krzysztof Skubiszewski eine riesige Rolle. Doch damals erfüllten sich seine früheren politischen Ideen, weil schon im Jahre 1969, d.h. noch vor den Verträgen 1970, als die Teilung Deutschlands für die Staaten des Warschauer Paktes ein politisches Dogma war, schrieb er über die Wiedervereinigung Deutschlands in seinem ausgezeichneten Buch „Die Westgrenze Polens“. In Anlehnung an die deutsch-französische Versöhnung suggerierte er offen, dass die Wiedervereinigung möglich ist, aber unter der Bedingung, dass die beiden deutschen Staaten die Unverletzlichkeit der Oder-Neiße-Grenze anerkennen und dass sie sich mit dem Prozess der Vereinigung Europas verbinden. Heute ist es zu sehen, dass er in diesem Buch nicht nur politische und rechtliche Aspekte der Gestaltung der deutsch-polnischen Nachkriegsgrenze beschrieb, sondern auch dass er ein Projekt der politischen Strategie für Polen und für die deutsch-polnischen Beziehungen geschaffen hat. Mehrmals betonte er später, wie wichtig in der erfolgreichen Politik eine gute Strategie ist.

Am 14. November 1990 unterschrieben die Außenminister Genscher und Skubiszewski in Warschau den Grenzvertrag zwischen Polen und Deutschland. Der Außenminister Genscher sagte damals: „Die Anerkennung der Grenze an Oder und Neiße entspringt dem Gebot des Friedens. (...) Die Bestätigung der bestehenden Grenze ist die freie Entscheidung der Deutschen. Sie ist uns von niemandem aufgezwungen worden. (...) Dieser Vertrag ist für uns Deutsche keine leichte Entscheidung. Der Verlust der Heimat ist ein schweres Opfer. Die Bestätigung dieser Grenze ist ein entscheidender Beitrag zur Perspektive für Europa ohne Grenzen“.
Im nächsten Jahr (am 17. Juni) wurde in Bonn der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundliche Zusammenarbeit unterzeichnet.

Die oben beschriebenen Ereignisse gehören schon zur Geschichte. Es ist in großem Maße dank Krzysztof Skubiszewski gelungen, jene Angelegenheiten günstig zu erledigen, dank seiner mutigen, strategischen Ideen und politischen Konzepte, hervorragenden, diplomatischen Fähigkeiten, seinem juristischen Wissen, seiner Erfahrung, Konsequenz und seiner Hartnäckigkeit in der Handlung sowie dank seiner Fähigkeit, politische Ziele scharfsinnig zu formulieren. Erinnern wir noch daran, dass als sich die Diskussion über die deutsch-polnische Grenze im Jahre 1990 sehr stark verschärft hat, prägte der Außenminister Skubiszewski die Formel der „deutsch-polnischen Interessengemeinschaft“. Diese Formel führte zum Umbruch in den Verhandlungen und – in Anbetracht der Geschichte von bilateralen Beziehungen – eröffnete für Polen und Deutschland eine ganz neue Perspektive, zum ersten Mal eine gemeinsame Perspektive. Die Formel schwächte die Partikularismen ab, ließ gemeinsame Aufgaben, gemeinsame Verantwortung für den Frieden in Europa bemerken und begreifen. An diese Idee muss auch heute erinnert werden. An diese Idee kann der Preis Pomerania Nostra für Krzysztof Skubiszewski erinnern.

Die von Krzysztof Skubiszewski ständig vertretene Überzeugung vom Vorrang der Interessengemeinschaft und vom Vorrang eines zukunftsorientierten Schauens lag dem Weimarer Dreieck zugrunde, dessen Mitarchitekt er mit den Ministern Genscher und Duma war. Als er Außenminister Polens war, entstand allmählich die deutsch-polnische Euroregion, es wurde auch das Deutsch-Polnische Jugendwerk gegründet und es begannen die Verhandlungen über Polens NATO-Beitritt, es entstand außerdem das deutsch-dänisch-polnische multinationale Korps in Stettin, Polen unternahm bei der Unterstützung Deutschlands die Bemühungen um den EU-Beitritt, und 1991 gründete man eine wichtige Stiftung „Deutsch-Polnische Versöhnung“. Das alles hat die Beziehungen im deutsch-polnischen Grenzgebiet, darunter auch in Pommern, ausschlaggebend verändert.

Als das Wochenblatt „Wprost“ 1993 ein Plebiszit für die Person des Jahres 1993 ausgeschrieben hat, begründete der am Anfang erwähnte Jan Nowak-Jeziorañski die Kandidatur von Prof. Skubiszewski mit folgenden Worten: „Ohne zu zögern stimme ich für Krzysztof Skubiszewski, der innerhalb der ersten vier Jahren der III. Republik Polen historische Leistungen vollbrachte: Er erreichte die unwiderrufliche Anerkennung der Grenze an Oder und Neiße und führte zu einem konfliktlosen Rückzug der russischen Armee aus Polen. (...) Während der sehr schwierigen Verhandlungen mit Deutschland, Russland und Litauen zeigte er Taktgefühl und Beherrschung. Zum ersten Mal in der Geschichte hat Polen freundliche Beziehungen mit allen Nachbarn. Er erlangte hohes Ansehen für Polen und für sich selbst. Er geht in die Geschichte als ein hervorragender Staatsmann und eifriger Patriot ein“.

Für das deutsch-polnische Grenzgebiet, für das durch die Grenze geteiltes Pommern sind politische Ideen von Krzysztof Skubiszewski immer aktuell. Er legte sie u. a. im Artikel „Perspektiven der Außenpolitik der Republik Polen in Europa. Politische Hauptrichtungen“ dar. In dem Artikel geht er davon aus, dass die polnische Staatsräson nahe und gute Verbindungen vor allem in Europa und vor allem mit den Nachbarn erfordert, und dass die Staatssicherheit vor allem im Grenzgebiet gebaut werden soll, wo diese Nachbarschaft am nächsten ist. Von hier aus, vom Grenzgebiet sollen die gesammelten Erfahrungen nach dem Prinzip der sich konzentrisch verbreitenden Kreise immer größere Gebiete umfassen. So sieht Skubiszewski übrigens die ganze europäische Politik, als sich konzentrisch, vom Europazentrum, verbreitende Kreise gemeinschaftlicher Ideen.  Er betont demnach die Rolle der Regionen und der regionalen Politik (darunter auch der grenzüberschreitenden Politik), d.h. die Rolle dessen, was den Menschen am nächsten ist. Außerdem geht er von der Annahme aus, dass Politik nur dann gut ist, wenn sie die Gemeinschaften positiv aktiviert. Er betont, dass für die deutsch-polnischen Beziehungen wirtschaftliche Fragen wichtig sind, aber noch wichtiger sind – politische und gesellschaftliche, und anders gesagt– vielfältige zwischenmenschliche Kontakte. Diese sollen Grundlage für die gemeinschaftliche Sicherheit sein, die an die Zusammenarbeit „in den mit Demokratie und Wirtschaft starken Regionen und Staaten“ angelehnt ist.

Skubiszewski ist der Meinung, dass man zusammen mit den Nachbarn bestimmte Aufgaben stellen und Bestrebungen teilen muss. Er schreibt: „In dieser Hinsicht sind wir in der Zusammenarbeit mit den Deutschen weit gegangen. Unsere beiden Staaten verbindet die Interessengemeinschaft, aus der zweiseitiges, regionales und kontinentales Zusammenwirken folgt“.

Dieses Zusammenwirken – postuliert Skubiszewski – muss auf die ganze Ostseeregion übertragen werden, was so wichtig gerade für Pommern ist. Dieses Zusammenwirken soll auch ermöglichen, die Brücken nach anderen Staaten in Mittel- und Osteuropa zu schlagen. Die deutsch-polnische Zusammenarbeit, so wie früher die deutsch-französische, soll für andere als Beweis dafür dienen, dass sich auch die schwierigsten Probleme, die am tragischsten in die Geschichte verwickelte, sich friedlich lösen lassen.

Zusammenfassend: Die Mitgliedschaft Deutschlands und Polens in der Europäischen Union, die offene deutsch-polnische Grenze, die regionale Zusammenarbeit im durch die Grenze geteilten Pommern sind Folge dieser politischen Projekte, an deren Konstruieren und Realisierung Krzysztof Skubiszewski einen hervorragenden Anteil hatte. Deswegen wurde seine Kandidatur für den Pomerania-Nostra-Preis angemeldet. Die Annahme des Preises von Krzysztof Skubiszewski ist für die Preisstifter Ehre. Sie sind der Meinung, dass dies auch ein wichtiges Ereignis im Jahre des 60. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und der Bestimmung der gegenwärtigen deutsch-polnischen Grenze sowie im Jahre des 40. Jahrestages des historischen Briefes der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder ist.

Sie sind der Auffassung, dass dies  zur Belebung der Diskussion über heutiges Verstehen der deutsch-polnischen Interessengemeinschaft beitragen kann. Diese Diskussion brauchen Polen und Deutschland sehr.

Ausarbeitung: B. Twardochleb



 
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